31. August 2026
Brustschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für einen Besuch in der Notaufnahme. Um einen Herzinfarkt rasch auszuschliessen oder zu bestätigen, wird heute eine zweifache Messung von kardialem Troponin, einem hochsensitiven Blut-Biomarker, eingesetzt. Eine internationale Studie unter der Leitung des Unversitätsspital Basel zeigt nun, dass das Intervall zwischen den Messungen verkürzt werden kann, ohne diagnostische Sicherheit zu verlieren. Zu kürzeren Aufenthaltszeiten in der Notaufnahme führt dies allerdings nicht.
An der von DKF-Forschungsgruppenleitern Prof. Christian Müller und Prof. Jasper Boeddinghaus initiierten und koordinierten Studie nahmen 19 Spitäler aus zehn Ländern auf vier Kontinenten teil. Insgesamt wurden in den Jahren 2020 bis 2024 mehr als 67'000 Notfallkonsultationen von 62'577 Patientinnen und Patienten mit akuten Brustschmerzen ausgewertet.
Verglichen wurden zwei diagnostische Strategien: Bei der bisherigen 0/3-Stunden-Strategie erfolgt die zweite Troponin-Messung drei Stunden nach der ersten. Die neuere, von europäischen Leitlinien empfohlene 0/1-Stunden-Strategie sieht bereits nach einer Stunde eine weitere Troponin-Messung vor. Dadurch soll schneller entschieden werden können, ob ein Herzinfarkt vorliegt oder ausgeschlossen werden kann.
Das primäre Ziel der Studie war, zu untersuchen, ob die schnellere Diagnose ebenso sicher ist wie das bisherige Vorgehen und auch zu einer kürzeren Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme führt.
Sicherheit bestätigt
Um die Sicherheit zu evaluieren, untersuchten die Forschenden das Auftreten von Todesfällen oder Herzinfarkten innerhalb von 30 Tagen nach dem Notfallbesuch.
Die Auswertung zeigte, dass sich die beiden Strategien hinsichtlich dieses Sicherheitsendpunkts nicht unterschieden. Innerhalb von 30 Tagen erlitten rund 1,2 Prozent der Patientinnen und Patienten in der 0/3-Stunden-Gruppe und 1,1 Prozent in der 0/1-Stunden-Gruppe einen Herzinfarkt oder verstarben. Damit erfüllte die 0/1-Stunden-Strategie das vorab definierte Sicherheitskriterium.
Keine Verkürzung der Aufenthaltsdauer
Überraschend war hingegen ein anderes Resultat: Obwohl die zweite Blutprobe deutlich früher entnommen wurde, verkürzte sich die Aufenthaltsdauer der Patientinnen und Patienten in der Notaufnahme nicht. In beiden Gruppen lag die mediane Aufenthaltsdauer bei rund fünf Stunden. Auch andere Faktoren wie die Zeit bis zur Entlassung aus dem Spital oder die Rate ambulanter Behandlungen änderte sich nicht wesentlich.
Die Forschenden vermuten, dass organisatorische Faktoren eine grössere Rolle spielen als die raschere Verfügbarkeit von Laborresultaten. Dazu zählen beispielsweise Personalengpässe, Bettenkapazität oder der Bedarf an zusätzlichen Untersuchungen.

USB Foto & Print Center
Prof. Christian Müller, Chefarzt Klinische Forschung und Leiter CRIB, Universitäres Herzzentrum Basel
Herausforderungen bei der Umsetzung
Die Studie zeigt, dass die Einführung neuer diagnostischer Verfahren alleine nicht automatisch zu effizienteren Abläufen führt. In vielen teilnehmenden Notaufnahmen erwies sich die Durchführung der zweiten Blutentnahme bereits nach einer Stunde als organisatorische Herausforderung. Nur etwa ein Drittel der dafür vorgesehenen Blutentnahmen erfolgte tatsächlich im empfohlenen Zeitfenster.
Nach Ansicht der Forschenden müssen deshalb neben diagnostischen Innovationen auch die klinischen Prozesse weiter optimiert werden, damit das Potenzial schnellerer Testverfahren vollständig ausgeschöpft werden kann.
Wichtige Erkenntnisse für die klinische Praxis
Die PRESC1SE-MI-Studie ist die weltweit grösste randomisierte Studie zur Herzinfarktdiagnostik in der Notaufnahme. Die Ergebnisse stützen die aktuelle Leitlinienempfehlung zur Anwendung der 0/1-Stunden-Strategie und zeigen, dass diese in unterschiedlichen Gesundheitssystemen sicher eingesetzt werden kann.
Gleichzeitig verdeutlichen sie, dass für spürbare Effizienzgewinne zur Entlastung von Notfallstationen zusätzlich organisatorische und strukturelle Verbesserungen erforderlich sind.

Adobe FotoStock
PRospective Evaluation of the European Society of Cardiology 0/1-hour algorithm's Safety and Efficacy for triage of patients with suspected Myocardial Infarction
Leitung
Prof. Christian Müller, Leiter Stationäre Kardiologie und Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB), Universitäres Herzzentrum Basel, Universitätsspital Basel
Prof. Jasper Boeddinghaus, Oberarzt, Stationäre Kardiologie und Cardiovascular Research Institute Basel (CRIB), Universitäres Herzzentrum Basel, Universitätsspital Basel
Studiendesign
Internationale, pragmatische, multizentrische, cluster-randomisierte kontrollierte Studie (Stepped-Wedge-Design)
Studienzentren
19 Notfallzentren in 10 Ländern (Schweiz, Deutschland, Italien, Spanien, Finnland, Österreich, Grossbritannien, Rumänien, USA und Australien)
Anzahl Studienteilnehmende
62'577 Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt
Projektdauer
2020-2026
Vom DKF unterstützt durch
Data Analysis
Funding
Schweizerischer Nationalfonds (SNF), Schweizerische Herzstiftung, Universitätsspital Basel, Universität Basel, Foundation for Cardiovascular Research Basel, Fondazione Ricerca Molinette, Idorsia und Roche.