01. März 2024

 

Gesamtgesellschaftliche Bedeutung

Die meisten klinischen Interventions- und Beobachtungsstudien haben die Entwicklung oder Verbesserung von Behandlungsoptionen zum Ziel. Sie sind auf den direkten Nutzen für Patientinnen und Patienten ausgelegt. Ihr Einfluss auf das Sozialsystem und die öffentliche Gesundheit ist dabei ein interessanter aber wenig untersuchter Aspekt. Genau mit solchen Fragen beschäftigt sich die Gesundheitsökonomie. Sie soll Evidenz liefern für eine effiziente und nachhaltige Gestaltung und Entwicklung der Gesundheitsversorgung. Da sich Gesundheitssysteme zwischen Ländern stark unterscheiden, ist eine nationale Sichtweise dabei von entscheidender Bedeutung.

Gesundheitsökonomische Forschung integriert in klinischen Studien und Kohorten

Gesundheitsökonomische Fragestellungen direkt im Rahmen von klinischen Studien oder Kohorten zu berücksichtigen, kann sehr sinnvoll sein. Dieses Vorgehen wird «Within trial-Analyse» oder «Within clinical study-Analyse» genannt. Solche Projekte wurden beispielsweise in der Swiss Atrial Fibrillation Cohort (Swiss-AF) unter der Leitung von Prof. Matthias Schwenkglenks bereits mehrfach erfolgreich durchgeführt. Swiss-AF ist eine vom vom Universitären Herzzentrum Basel (PI Prof. Michael Kühne) und vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierte, prospektive Beobachtungsstudie, die an insgesamt 13 Zentren in der ganzen Schweiz durchgeführt wird und den Zusammenhang zwischen Vorhofflimmern und eingeschränkter Hirnleistung untersucht. Im Rahmen von Swiss-AF werden zahlreiche Daten erhoben, die beispielsweise in Kombination mit Versicherungsdaten für die Beantwortung von gesundheitsökonomischen Fragestellungen äusserst wertvoll sind.

Die Relevanz von gesundheitsökonomischen Aspekten

Rund 100'000 Personen in der Schweiz leiden unter Vorhofflimmern. Unter Berücksichtigung der Folgeerkrankungen lassen sich erhebliche volkswirtschaftliche Auswirkungen dieser Herzrhythmusstörung erahnen. In den kommenden Jahren ist zudem mit einem deutlichen Anstieg der Prävalenz und mit weiteren Auswirkungen auf das Gesundheitssystem zu rechnen. Die Erfassung von gesundheitsökonomischen Daten innerhalb von Swiss-AF wurde daher von Anfang an berücksichtigt. Es werden neben der Dokumentation von Spitalaufenthalten und ambulanten Besuchen auch Fragebögen zur Erfassung von Produktivitätsverluste wie Arbeitsunfähigkeit oder Pensenreduktion eingesetzt. Aus Kooperationen mit Krankenversicherern liegen auch Abrechnungsdaten der Teilnehmenden vor.

Kosten von Vorhofflimmern und Kosten-Nutzen-Abwägungen von Behandlungsoptionen

Folgende Publikationen aus Swiss-AF stehen exemplarisch für gesundheitsökonomische Forschungsprojekte, die auf der Basis von klinischen Studien oder Kohorten durchgeführt und mit denen wichtige Informationen für Entscheidungsträger im Gesundheitswesen geliefert werden können.

Aebersold et al. (2023a) haben die durch Vorhofflimmern verursachten Kosten für das Schweizer Gesundheitssystem genau beziffert. Sie zeigen, dass die direkten medizinischen Kosten von Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern im Vergleich zur Bevölkerung ohne bekanntes Vorhofflimmern über einen Zeitraum von fünf Jahren etwa 50 Prozent höher sind. Insgesamt wurden im Zusammenhang mit Vorhofflimmern stehenden Kosten auf 700 Millionen Franken hochgerechnet, was etwa einem Prozent der Gesamtausgaben des Gesundheitswesens in der Schweiz entspricht. Dabei sind indirekte Kosten wie die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in dieser Analyse noch nicht berücksichtigt.

Aebersold et al. (2023b) identifizierten zudem drei Patientengruppen (cardiovascular dominated, isolated symptomatic, severely morbid without caridiovascular disease), für die die entstehenden Kosten und die Lebensqualität klar unterschiedlich sind. Diese Daten sind sowohl für die Kostenabschätzungen in der klinischen Praxis wie auch für die Planung zukünftiger klinischer Studien hilfreich.

Serra-Burriel et al., 2022 berichten von der Kosten-Nutzen-Analyse einer elektrochirurgischen minimalinvasiven Methode zur Behandlung von Vorhofflimmern, der sogenannte Pulmonalvenenisolation (PVI). Sie zeigen, dass diese Intervention einer Arzneimittel-Therapie langfristig, also über einen Zeitraum von zehn Jahren, mit 80'000 Franken pro gewonnenem Quality-Adjusted Life Years (QALY) aus gesundheitsökonomischer Sicht überlegen ist.

Berücksichtigung bereits bei der Studienplanung

Die Zusammenarbeit zwischen klinischen Forschungsgruppen, der Health Economics Facility (HEF) und dem DKF soll in Zukunft weiter ausgebaut werden. Bei der Planung von klinischen Interventions- oder Beobachtungsstudien sollte immer abgewogen werden, ob zusätzlich Daten zur Wirtschaftlichkeit von Behandlungsoptionen erfasst werden können. Auch Förderinstitutionen wie der SNF erkennen zunehmend die Wichtigkeit der Integration von gesundheitsökonomischen Erhebungen.